Kinderkunst mit Henri Matisse: Cut Outs aufkleben und 5 Lektionen, die ich daraus gelernt habe.

Manchmal frage ich mich, ob Paulis Erzieherin wirklich von meinem Kind spricht, wenn sie sagt, dass Pauli beim Basteln mal wieder ganz vertieft und ausdauernd gewesen ist. Es ist nicht so, dass mir diese Erzählung nicht gefällt. Sie gefällt mir sogar sehr. Ich finde es klasse, dass sie sich scheinbar in einer Beschäftigung verlieren kann, dass sie ganz bei sich und ihrer Aktivität ist. Die Erzählung der Erzieherin weckt in mir die Lust, mal einen Vormittag dabei zu sein und eben diese Vertieftheit, diese Ausdauer und letztlich einfach mein Kind im Sozialgebilde Kita zu beobachten. Einen Tarnmantel bräuchte ich, den ich mir überstülpe und der mich unsichtbar werden lässt. So könnte ich sie einfach mal in einem anderen ‚Raum‘ sehen, wahrnehmen und hätte das Bild meines Kindes komplettiert.
Zu Hause, ob am Wochenende oder am Nachmittag erlebe ich diese Vertieftheit, diese Ausdauer weniger oft. Und irgendwie hat mich das nachdenklich gemacht:
Warum ist mein Kind in der Kita so vertieft und hier nicht?
Liegt es daran, dass sie nach einem Tag in der Kita schlicht keine Ausdauer mehr übrig hat?
Bieten wir ihr zu wenig Möglichkeiten zum Vertiefen, zum „sich Verlieren“?

Ein Vormittag mit Henri Matisse : Wir malen mit der Schere

Kinderkunst mit Henri Matisse.   Art for kids with Matisse.

Und wie das manchmal so ist, wenn sich die Gedanken um ein Thema drehen: Die Antwort auf eine Frage ist durch Schärfen des Blickes auf einmal ganz klar.
Bei uns kam sie in Gestalt einer Bastelaktion nach Henri Matisse um die Ecke. Matisse hat in seinen letzten Lebensjahren krankheitsbedingt nicht mehr lange stehen können und war sogar auf den Rollstuhl angewiesen. Da er aber durch und durch Künstler war, hat er einen Weg gefunden, seiner Leidenschaft nachzugehen: ‚Cut Outs‘. Er hat Formen aus buntem Papier ausgeschnitten und diese Formen auf weiße Papiere geklebt. Manche sagen auch, dass er mit der Schere gemalt hat. Ich weiß genau, was sie meinen und mir gefällt diese Umschreibung sehr. Mit einer Schere malen, das ist so ein schönes Bild, darauf hatte ich auch Lust.

Mit der Schere malen: So geht Kinderkunst mit Kleinkindern nach Henri Matisse

Also habe ich mit der Schere auf vielen bunten Papieren gemalt, Pauli teilweise auch. Wir haben allerlei bunte Formen ausgeschnitten, die Pauli anschließend auf ein weißes Papier geklebt hat. Ganz durcheinander, wie sie wollte. Ganz allein. Ich hätte so gerne mitgemacht, aber meine Kleine wollte das gar nicht. Sie war vertieft, war ganz aufmerksam, die Zunge fest an die Mundwinkel gepresst, sie hat den Kleber ganz langsam und vorsichtig, mit Druck über die Papierformen fahren lassen und hat sich in dieser Aufgabe verloren. Alles, was ich gemacht habe, war das Drehen des weißen Blattes von Zeit zu Zeit, damit jede Blattseite ein paar Cut Outs abbekommen hat. Entstanden ist ein wirklich schönes Bild, dass nun in ihrem Zimmer hängt und bald auch noch in einen passenden Rahmen kommt.

 

Ich habe meine Lektion gelernt

Nach der schönen, versunkenen Beschäftigung mit den Cut Outs und dem stolzen Blick meiner Tochter auf ihr Werk, kam ich nicht umhin mich zu fragen, warum ausgerechnet diese Beschäftigung Paulina in eine solche Vertiefung gebracht hat und ihr nebenbei auch noch solch einen Spaß gemacht hat, dass sie gerade am liebsten fast täglich bunte Formen auf weiße Hintergründe kleben würde. Folgende Lektionen habe ich aus dieser Erfahrung abgeleitet, die ich für mich und euch hier aufschreibe:

  • Achte genau auf die Bedürfnisse und Zeitfenster deines Kindes.
    Einer der Gründe, warum Paulina sich vielleicht manchmal nicht vertiefen konnte ist, dass ich eine Beschäftigung vorbereitet oder angefangen habe und das Timing dafür nicht gestimmt hat. Das habe ich bisher nicht mutwillig oder gar aus bösem Willen gemacht, sondern eher, weil ich sie nicht gut genug beobachtet hatte. Vielleicht war sie gerade noch in den Endzügen eines Spiels, das ich nicht als solches wahrgenommen hatte. Daraus habe ich gelernt genauer hinzusehen und Momente abzupassen, in denen sie bereit für eine (gemeinsame) Beschäftigung ist.
  • Der Montessori-Leitsatz: Hilf mir es selbst zu tun!
    Ich kenne diesen Satz gut, aber unsere Kinderkunstaktion hat mir nur nochmal bestätigt: Hilf ihr es selbst zu tun. Zeig ihr einmal, zweimal, auch dreimal wie ein Prozess abläuft und lass sie es dann selber machen. Sie soll dazulernen, aber auch Fehler machen. Das fällt mir nicht immer leicht, das geb ich zu. Ich habe mein Herz eben auf der Zunge und sage, wenn mir etwas nicht gefällt, aber hier ging es für mich um mehr: Um ihr Selbstbewusstsein, um ihr Wissen, ich kann das alleine! Da halte ich gerne mal den Mund oder beiß mir auf die Zunge. 🙂

Kinderkunst mit Henri Matisse

  • Wenn du dich verlierst, tut es dein Kind oft auch: Sei dabei!

Dabei sein verstehe ich doppeldeutig. Ich habe mich ebenso in dieser Kinderkunst verloren. Es hat mir Spaß gemacht, auch wenn ich kaum etwas dazu beigetragen habe. Ich saß bei ihr, habe Fotos gemacht, aber ich war dabei. Emotional und körperlich. Alle Störfaktoren waren in sicherer Entfernung. Ich war einfach nur da und hab mich mit ihr verloren. Das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber so war es.
Ich bin kein Fan von dauernden „neben dem Kind hocken und um es herumschwirren“, aber bei einigen Prozessen und in gewissen Phasen braucht mein Kleinkind mich und wenn ich nur daneben sitze. Und dann spürt sie, ob ich wirklich dabei bin oder nicht. Sie spürt, ob ich in Gedanken schon bei den Unterrichtsvorbereitungen für die kommenden Tage, beim Abendessen oder bei einer schönen/doofen/komischen Situation am Tag bin oder ob ich etwas wirklich mit ihr gemeinsam mache und mich darin genauso verliere wie sie. Diese Verbindung zwischen uns macht die gemeinsame Beschäftigung so wertvoll. Für uns beide.

  • Achte auf die Kleinigkeiten: Seh den Prozess mit Kinderaugen.
    Seh z.B. die unterschiedlichen Formen, die auf das Papier geklebt werden: Die Gurken, die Tomaten, die Schlangen, die Schmetterlinge, die Hände. Wenn man Lust hat, kann man daraus auch ein Spiel machen: „Wo ist denn…“.
  • Lass dein Kind stolz auf das Erlebte/Geschaffene sein und sprich dies aus.
    Als das Bild fertig war, hab ich Pauli natürlich auch gelobt. Auch wenn ich es damit eigentlich nicht zu stark übertreiben will. Ich will ja nicht, dass sie das alles nur für mich und für ein Lob tut. Deswegen beschreibe ich einfach, was ich sehe und fordere sie auf, sich das Ganze nochmal anzuschauen: Die Farben und Formen auf dem Bild, wie viele unterschiedliche Formen aufgeklebt wurden, manche Formen waren groß, manche klein, bei manchen war es schwierig den Kleber über die Form zu führen, ohne zu viel Kleber zu benutzen, manchmal war es eben zu viel Kleber und die das Papier wurde doch klebrig. Und jetzt ist da dieses Bild, das nicht klebrig oder schmutzig, sondern wirklich vielseitig und kreativ ist. Sie hat sich so gefreut, noch vor allen Worten darüber, einfach nur als sie fertig geworden ist. Weil sie fertig geworden ist. Weil sie es geschafft hat. Weil sie dran geblieben ist bestimmt auch. Weil wir eine gemeinsame Zeit haben, in der wir uns verlieren konnten und weil sie jetzt dieses Bild hat, das sie ganz alleine so geschaffen hat. Dieses Gefühl kennen wir ja auch, wenn wir etwas selbst gemacht und erschaffen haben, das ist ein tolles Gefühl. 🙂

Kinderkunst mit Henri MatisseDas Bild hängt jetzt in ihrem Zimmer, direkt neben Paulis Bett. Wir haben gerade das zweite Kunstwerk gemacht, das sie gerne ihrer Oma schenken möchte.

Was hätte Matisse wohl zu allem gesagt?
Was sagt ihr?

Herzliche Grüße,

Katharina ❤


2 Gedanken zu “Kinderkunst mit Henri Matisse: Cut Outs aufkleben und 5 Lektionen, die ich daraus gelernt habe.

  1. Oh, das sieht wirklich toll aus. Die Idee mopse ich mir mal…weil mein großer Junge gerade total gerne schneidet….er aber ein sehr kopflastiges Kind ist, das alles in Kategorien ordnen will. Wo immer alles bestimmbar ist. Deswegen ärgert er sich oft, dass die Formen, die er schneidet, nicht gut genug sind. Das kann mit der Idee von Matisse ja nicht passieren 😍
    Als Letztes:
    War die Anspielung auf Carrie Bradshaw im Text beabsichtigt?

    Liebe Grüße
    Katharina

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Katharina, ich freue mich riesig über deinen Kommentar. Bitte moppse die Idee unbedingt. Es hört sich danach an, als ob sie deinem Jungen gefallen könnte. 🙂
      Es macht einen Riesenspaß und das Ergebnis erfreut die Kinder so sehr.

      Achso, zu Carrie: Ich war an der Stelle und wollte etwas Derartiges schreiben und da dachte ich: Warum mach ich es nicht wie Carrie?! Ein bisschen „andere“ Kultur schadet ja auch nicht. Was denkst du?

      Herzliche Grüße,
      Frau WRO

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